Empathie verhindert Gewalt

In der Ausgabe von „Geo-Wissen“ zum Thema Verhalten, Persönlichkeit, Psyche  findet sich ein lesenswerter Artikel zur Aggressionsforschung beim Menschen. Der finnische Aggressionsforscher Björkqvist wird darin mit der (mittlerweile wohl nachgewiesenen) Hypothese zitiert, dass die Fähigkeit zur Empathie ein entscheidender Faktor bei der Ausübung oder eben Nicht-Ausübung von Gewalt unter Menschen ist. Menschen, die eine geringe Empathiefähigkeit besitzen neigen schneller zum Einsatz verbaler und körperlicher Gewalt, weil sie sich schlicht nicht vorstellen können, dass das weh tun kann.

Der Grund für meinen Kommentar dazu ist nicht diese Einsicht, sondern die Konsequenz die (leider) wieder mal daraus gefolgert wird. Da der „Täter“ nicht fühlt, dass seine Tat schmerzlich für das „Opfer“ ist, soll er dies lernen, indem er sich entschuldigt. Dann werden z.B. „Entschuldigungstage“ eingeführt, in der Hoffnung, dass damit alles gut wird.

Entschuldigung ist keine Lösung

Das Gewaltpräventionsprogramm von Herrn Björkqvist kommt also, wie leider die allermeisten Konflikt-/Gewaltprogramme, nicht um das Thema „Schuld“ herum. Wer glaubt, dass Täter, die sich „schuldig“ fühlen, dann weniger gewalttätig sind, dem empfehle ich das Buch „Violence“  vonJames  Gilligan. Gilligan hat Hunderte von Tiefeninterviews mit den härtesten Gewaltverbrechern in den USA geführt und sein Ergebnis war schlicht und ergreifend: Diese Täter begehen ihre Tat WEIL sie sich schuldig fühlen und schämen!

Das Selbstwertgefühl dieser Menschen ist so gering und Schmerz darüber so tief, dass sie wahrscheinlich aus einer seelischen Schutzfunktion heraus überhaupt keine Empathie mehr haben, auch nicht für sich selbst (daher verstümmeln sich Tausende von Gefangenen in den amerikanischen Gefängnissen, um endlich wenigstens Schmerz zu fühlen).

Gewaltprävention durch Empathie –  oder gewaltfreie Gefängnisse

Vergessen wir das Konzept von Schuld! Wem soll es helfen, wenn der Täter“ schuld“ ist? Die Empathiefähigkeit ist der entscheidende Punkt. Gewalttäter müssen, um wieder zu sozialen Wesen zu werden, Empathie neu lernen. Was wir brauchen sind gewaltfreie Gefängnisse, in denen Gewalttäter menschlich behandelt werden, Empathie bekommen und Unterstützung erhalten, um neue, gewaltfreie Strategien für ihre Bedürfnisse zu finden. Das ist die Vorgehensweise bei den Gefängnissen, die das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg umsetzen. Und falls das nicht (mehr) funktioniert, dann kann und muß man diese Menschen liebevoll von der Gesellschaft fern halten, um uns und sie selbst (vor sich) zuschützen.